Wo entsteht eigentlich das, was in Stellenausschreibungen „mehrjährige Berufserfahrung" heißt? Selten in Kursen, fast nie in Schulungen. Meistens in den ersten Jahren, in denen jemand Arbeit erledigt, die ohnehin anfällt und einfach genug ist, um sie einem Anfänger zu geben.
Ein führendes KI-Labor hat dazu in den vergangenen Tagen Zahlen aus dem eigenen Haus veröffentlicht. Der Anteil der Einstiegsstellen in den technischen Abteilungen ist seit Anfang 2025 von 21 auf 14 Prozent gefallen, bei den Neueinstellungen von 27 auf 9 Prozent. Die Begründung liefert das Unternehmen gleich mit: Im August arbeiteten die hauseigenen Agenten firmenweit sechsmal so viele Stunden wie die menschlichen Beschäftigten. Code schreiben, Fehler suchen, nachprüfen — all das wandert an die Maschine.
Die Produktivitätsangaben lesen sich wie eine Hausbilanz. Die Ingenieure reichen 5,1-mal so viel Code ein, die Rechtsabteilung bearbeitet 3,1-mal so viele Verträge, der Vertrieb schließt 1,7-mal so viele Geschäfte ab, die Buchhaltung 1,4-mal so viele Rechnungen. Auch die Personalabteilung taucht in der Liste auf: Sie stellt 1,4-mal so viele Menschen ein wie zuvor. Nur eben andere.
Eine Entscheidung, die Ausbildung abzuschaffen, hat niemand getroffen.
Das muss auch niemand, denn die Einstiegsstelle war nie ein Ausbildungsprogramm. Sie war ein Nebenprodukt. Es gab Arbeit, die getan werden musste, langweilig genug für den teuren Kollegen und einfach genug für den neuen — und wer sie zwei Jahre lang machte, wurde dabei zu jemandem, der sie nicht mehr machen musste. Das Lernen hing an dieser Notwendigkeit, nicht an einer Absicht. Fällt die Notwendigkeit weg, verschwindet mit ihr etwas, das in keinem Budget stand und deshalb auch in keinem gestrichen wurde.
Ein Forscher nennt das eine Tragödie der kognitiven Allmende. Der Gewinn fällt bei dem Unternehmen an, das die Stelle streicht; die Kosten tragen alle, die in zehn oder zwanzig Jahren jemanden brauchen, der weiß, was er tut. Erfahrene Fachleute sind ein gemeinsamer Bestand, aus dem sich jeder bedient und den niemand aus eigenem Antrieb auffüllt. Jeder einzelne Schritt dorthin ist betriebswirtschaftlich einwandfrei begründet.
Die Zeitstruktur macht die Sache besonders geräuschlos. Wer heute als erfahren gilt, hat vor fünf bis zwanzig Jahren angefangen. Sichtbar wird eine Lücke also erst irgendwann zwischen 2030 und 2045, an einem Punkt, an dem sich kein einzelner Vorgang mehr benennen lässt, der sie verursacht hätte. Schäden, die sich so weit über Zeit und Beteiligte verteilen, haben am Ende keine Adresse, an die man sie schicken könnte.
Zur Redlichkeit der Studie gehört, dass sie ihre eigene Reichweite begrenzt: Ein KI-Labor ist ein Sonderfall, das Geschäft wächst ohnehin, die Werkzeuge wurden freiwillig eingeführt. In der breiteren Wirtschaft ist von Produktivitätsgewinnen durch KI bislang wenig zu sehen. Und sechsmal so viele Agentenstunden sind zunächst eine Angabe über Betrieb, nicht über Ergebnis — man kann mit erheblichem Aufwand auch erheblich danebenliegen. Was die Zahl zuverlässig belegt, ist, worauf im Haus gesetzt wird.
Der naheliegende Einwand gegen die ganze Sorge lautet, dass sie nur zutrifft, falls diese Arbeit in zwanzig Jahren überhaupt noch von Menschen erledigt wird. Ein Betrieb, der sechsmal so viele Agenten- wie Menschenstunden zählt, rechnet damit erkennbar nicht. Wer heute die unterste Sprosse herausnimmt, muss den künftigen Mangel an Erfahrenen also gar nicht bestreiten. Er muss nur darauf setzen, dass es bis dahin keinen Beruf mehr gibt, in dem dieser Mangel jemandem auffällt.
