Die konvexe Hülle
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Die konvexe Hülle

Ein Labor untersucht zwanzig Jahre lang denselben Satz von Genen mit derselben Methode. Die benachbarten Gene bleiben liegen, die alternativen Verfahren ebenfalls. Es ist kein schlechtes Labor. Es veröffentlicht, es wird finanziert, es bildet Doktoranden aus, es tut genau das, wofür es eingerichtet wurde.

Der Physiker, der dieses Beispiel in den vergangenen Tagen aufgeschrieben hat, lehrt an einer amerikanischen Universität und greift zur Beschreibung auf einen Begriff aus der Geometrie zurück: die konvexe Hülle. Man stelle sich das vorhandene Wissen als eine zerklüftete Figur vor, mit langen Zacken dort, wo lange und gründlich gearbeitet wurde, und mit weiten Flächen dazwischen, die nie jemand betreten hat. Die Zacken sind die Fächer. Die Flächen sind das, was zwischen ihnen läge.

Er hat ausprobiert, was passiert, wenn man ein Sprachmodell nicht wie einen Nachwuchswissenschaftler behandelt, sondern wie ein Rechenwerkzeug, und es gezielt in diese Zwischenräume schickt. In drei Monaten entstanden so sechsunddreißig Manuskripte in achtzehn Disziplinen, mit neunzehn Koautoren. Er begann in seinem eigenen Feld mit Streuamplituden und elliptischen Integralen; binnen weniger Wochen lagen dreißig Integrale vor, die Hälfte davon Wiederholungen bekannter Ergebnisse, die andere Hälfte erstmals berechnet.

Dann ging es über das eigene Fach hinaus. In der Ökologie wurde eine zwanzig Jahre alte Gleichung zur Artenvielfalt lösbar, die bis dahin niemand in größerem Maßstab durchrechnen konnte. In der Populationsgenetik durchsuchte das Werkzeug 5,7 Milliarden Mutationspaare. Für ein Wirtschaftsjournal prüfte es 4.452 Replikationspakete. Mit drei Sprachwissenschaftlern entstand eine Datenbank zur Wortbetonung in 6.072 Sprachen. Keines dieser Projekte war zuvor unmöglich. Jedes war nur zu teuer, gemessen an der einzigen Währung, in der Forschung tatsächlich bezahlt wird: Lebenszeit von Menschen, die sich für eine Sache entscheiden müssen.

Damit beschreibt die zerklüftete Figur etwas anderes, als man zunächst vermutet. Sie bildet nicht ab, was schwierig war. Sie bildet ab, was sich innerhalb einer Laufbahn lohnte. Eine Förderperiode dauert drei Jahre, eine Dissertation vier, ein Berufsleben vierzig; Institute sind nach Fächern geschnitten, Zeitschriften ebenfalls, und Gutachter stammen aus demselben Zuschnitt. Die Zacken wuchsen dorthin, wo jemand sie zu Ende wachsen sehen konnte. Die Flächen dazwischen waren nie unsichtbar. Sie waren unbewohnbar.

Der Forscher selbst formuliert die unangenehme Folge beiläufig: Warum sollte man noch eine dreijährige Förderung für eine Rechnung beantragen, die über Nacht fertig sein könnte? Im selben Text steht aber auch der Satz, dass man alles selbst nachsehen müsse. Automatische Prüfungen seien nicht verlässlich, das Modell erkläre den Sieg gern zu früh, schätze Aufwände schlecht ein und ziehe stumpfes Durchrechnen der eleganteren Lösung vor. Schlussfolgerungen könnten falsch sein, obwohl die Rechnung stimmt. Das Rechnen ist also billig geworden, das Nachprüfen nicht. Und von beidem war immer nur das erste der Engpass, über den man sprach.

Eine Eigenart des Werkzeugs verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Es bevorzugt, sich selbst überlassen, die alten, vielzitierten Debatten gegenüber den wirklich offenen Fragen. Gelernt hat es ja aus dem, was geschrieben wurde, und geschrieben wurde über die Zacken. Was die Lücken füllen könnte, trägt die Vorliebe, die zu den Lücken geführt hat, bereits in sich. Wissenschaftlich wertvoll, berichtet der Physiker, wurden die Ergebnisse erst dort, wo Fachleute die Richtung vorgaben. Die Zwischenräume füllen sich nicht von selbst. Sie füllen sich, wenn jemand sie für wichtig hält, und das bleibt eine Entscheidung, die einem keine Rechenzeit abnimmt.

Auf einer Insel im Panamakanal steht ein Wald, den Ökologen seit Jahrzehnten vermessen. Die Rechnung, die jetzt möglich wurde, ergab, dass seine Artenzusammensetzung sich viereinhalbmal schneller verändert, als die geltende Theorie zulässt. Die Daten lagen die ganze Zeit vor. Gefehlt hatte nur jemand, dem es die Jahre wert gewesen wäre, sie durchzurechnen.

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