Bevor das System am Kottbusser Tor Alarm schlagen darf, muss es erst lernen, was dort normal ist. Dreißig Kameras werden dafür nach und nach eingebunden, hochauflösend, panoramafähig, brauchbar auch bei wenig Licht. Die Polizei nennt diesen Vorgang Kalibrierungsphase — das System werde auf die tatsächlichen Bedingungen vor Ort abgestimmt, erst danach beginne der Produktivbetrieb. Ein unauffälliges Wort für einen bemerkenswerten Vorgang: Ein Platz wird vermessen, um festzulegen, welche Bewegung auf ihm künftig als Abweichung gilt. Seit dieser Woche wird in Berlin erstmals öffentlicher Raum dauerhaft videoüberwacht, und der Livestream wird nicht nur gespeichert, sondern laufend algorithmisch ausgewertet.
Berlin ist damit die dritte deutsche Stadt, in der Software analysiert, wie sich Menschen auf einem Platz bewegen. Weitere Standorte sind beschlossen, in mehreren Bundesländern liegt die Rechtsgrundlage schon vor, in weiteren wird daran gearbeitet, und nach der Sommerpause soll der Bundestag den Einsatz an Bahnhöfen erlauben. Eine unabhängige Evaluation der bereits laufenden Projekte gibt es bis heute nicht. Sie ist auch nicht geplant. Die Technik verbreitet sich also nicht, weil ihre Wirkung belegt wäre, sondern weil ihre Wirkung keine Bedingung für ihre Verbreitung ist.
Verfechter der Verhaltensanalyse führen ein gutes Argument an: Die Software rechnet Menschen in bewegte Strichmännchen um, in Vektorenbündel ohne Gesicht. Wer auf dem Bildschirm nur als Skelett erscheint, ist nicht identifizierbar. Das stimmt. Es stimmt aber zugleich, dass parallel das gewöhnliche Videobild mitläuft, standardmäßig bis zu einem Monat lang gespeichert wird, Gesichter zeigt und im Alarmfall von Beamten gesichtet werden darf — mit der Befugnis, einzelne Gesichter zu extrahieren und mit Daten aus dem Netz abzugleichen. Beide Beschreibungen derselben Kamera sind korrekt. Die Abstraktion ist echt, sie ersetzt nur nichts. Sie kommt dazu. Datenschutz wird hier nicht ausgehebelt, er wird als Argument für eine zusätzliche Ebene verwendet.
Nach welchen Mustern die Software sucht, will die Polizei nicht mitteilen. Gesetzlich festgelegt sind sie ohnehin nicht. Damit verschiebt sich etwas, das leicht zu übersehen ist: Was unerwünschtes Verhalten ist, wird nicht länger in einem Paragraphen beschrieben, sondern im Betrieb bestimmt — kalibriert an dem, was an diesem Ort üblich ist. Eine geschriebene Norm kann man lesen, kritisieren, vor Gericht angreifen. Einem Durchschnittswert lässt sich schwer widersprechen. Er behauptet nichts, er beobachtet nur. Genau deshalb ist er die bequemere Grundlage für Eingriffe.
Ob Kameras am Kotti weniger Gewalt bedeuten, weiß niemand. Studien deuten seit Jahren darauf hin, dass Videoüberwachung Kriminalität vor allem verschiebt. Ein Anwohner brachte es sachlicher auf den Punkt als jede Fachdebatte: Gegen Gewalt helfe keine Kamera, und der Drogenhandel werde nun eben tiefer in die Wohngebiete gedrückt. Das ist keine Technikkritik, das ist eine Aussage über Geografie. Der Bezirk hatte über Jahre Geld für Sozialarbeit und Infrastruktur gefordert; angekommen sind mehrere Millionen für Bildanalyse. Beide Maßnahmen adressieren dieselbe Unruhe. Nur eine von ihnen ist sichtbar, schnell installierbar und lässt sich am Tag der Inbetriebnahme fotografieren.
Kalibriert wird übrigens in beide Richtungen. Der Betreiber einer Raucherkneipe am Platz fragt, wie er sich hier noch frei fühlen solle, wie er jemanden küssen solle, ohne mitzudenken, wer das gerade sieht. Man kann das für Empfindlichkeit halten. Wahrscheinlicher ist, dass er die Logik des Systems früher verstanden hat als die meisten: Ein Ort, an dem Auffälligkeit automatisch registriert wird, erzieht seine Besucher zur Unauffälligkeit. Menschen kalibrieren sich, lange bevor die Software fertig ist. Ausgehängt hatte die Pläne am Kottbusser Tor niemand. Wer keine Tageszeitung liest, erfuhr davon durch Bohrgeräusche.
Die Ausweitung auf Bahnhöfe war im Bundestag eigentlich schon beschlossen. Die Abstimmung muss wiederholt werden, weil zu wenige Abgeordnete im Saal waren.
