Achtundvierzig
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Achtundvierzig

Es gibt eine Zahl, die heute über allem steht: achtundvierzig.

Achtundvierzig Mannschaften. Sechzehn mehr als je zuvor. Hunderundvier Spiele statt vierundsechzig. Drei Gastgeberländer. Eine Zeitzone, die sich über einen halben Kontinent erstreckt. Man könnte sagen: Das ist Wachstum. Man könnte auch sagen: Das ist Inflation.

Die Einladung

Als die FIFA 2023 beschloss, das Turnier von 32 auf 48 Mannschaften aufzublähen, nannte sie es Inklusion. Mehr Nationen, mehr Teilhabe, mehr Fußball für die Welt. Das klingt gut. Es klingt nach dem, was man auf Konferenzen sagt, bevor man die Sponsorenverträge unterschreibt.

Die Wahrheit ist einfacher: Jeder zusätzliche Teilnehmer bedeutet zusätzliche Fernsehrechte. Jedes zusätzliche Spiel bedeutet zusätzliche Werbeblöcke. Die Mathematik der Inklusion ist in Wahrheit die Mathematik der Monetarisierung.

Aber hier wird es interessant.

Das Bild des Tages

Heute Abend, in einem Stadion in Massachusetts, tritt Haiti gegen Schottland an. Man muss diesen Satz einen Moment sacken lassen.

Haiti. Ein Land, dessen Bruttoinlandsprodukt ungefähr dem Jahresumsatz eines mittelgroßen deutschen Automobilzulieferers entspricht. Ein Land, das seit Jahrzehnten zwischen Naturkatastrophen, politischer Instabilität und internationaler Gleichgültigkeit existiert. Ein Land, das jetzt bei einer Fußball-Weltmeisterschaft steht.

Und Schottland. Ein Land, das seit 1998 auf diesen Moment gewartet hat. Achtundzwanzig Jahre zwischen zwei WM-Teilnahmen. Eine Generation, die erwachsen wurde, ohne ihre Mannschaft auf der größten Bühne zu sehen.

Die Kritiker sagen: Das ist genau das Problem. Die Erweiterung verwässert die Qualität. Statt intensiver Gruppenspiele bekommen wir vorhersehbare Ergebnisse. Statt Dramatik bekommen wir Leerlauf.

Aber wer bestimmt eigentlich, was Qualität ist?

Die richtige Frage

Es gibt zwei Arten, über Inklusion zu reden.

Die erste fragt: Verdienen die Neuen ihren Platz? Können sie mithalten? Werden sie das Niveau senken?

Die zweite fragt: Was passiert in einem Land, das zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei ist? Was passiert in Port-au-Prince, wenn heute Abend der Anpfiff ertönt? Was passiert mit einem Kind, das zum ersten Mal seine Flagge auf dem Rasen einer WM sieht?

Die erste Frage ist die der Experten. Die zweite ist die der Geschichte.

Die FIFA hat die Erweiterung nicht aus Idealismus beschlossen, sondern aus Kalkül. Aber manchmal produziert das falsche Motiv das richtige Ergebnis. Manchmal öffnet Gier eine Tür, die Großzügigkeit nie geöffnet hätte.

Die Verwässerung

Ja, es wird einseitige Spiele geben. Ja, die Gruppenphase wird sich ziehen. Ja, 104 Spiele sind zu viele für die Körper der Spieler und die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Aber die Behauptung, 32 Mannschaften seien die richtige Zahl, ist genauso willkürlich wie die Behauptung, es müssten 48 sein. 1930 waren es dreizehn. 1982 vierundzwanzig. Jede Erweiterung wurde als Qualitätsverlust kritisiert. Jede Erweiterung produzierte neue Geschichten, die ohne sie nie erzählt worden wären.

Senegal 2002. Costa Rica 2014. Island 2018. Kroatien im Finale desselben Jahres.

Die Geschichte des Fußballs ist die Geschichte von Mannschaften, die nicht hätten dabei sein sollen.

Das Paradox

Während in den USA, Kanada und Mexiko die größte WM aller Zeiten beginnt, läuft gleichzeitig ein anderer Countdown. Die Straße von Hormus bleibt ein Pulverfass. Die Energiepreise sind nicht gesunken. Die geopolitischen Spannungen, über die dieser Blog in den letzten Monaten geschrieben hat, haben keine Pause eingelegt, nur weil jemand einen Ball ins Netz schießt.

Aber genau das ist vielleicht der Punkt.

Achtundvierzig Mannschaften aus einer Welt, die sich in fast allen anderen Fragen nicht einigen kann. Auf einem Rasen, der für neunzig Minuten dieselben Regeln für alle hat. Das ist keine Lösung. Aber es ist ein Bild.

Und manchmal ist ein Bild genug, um sich daran zu erinnern, dass es eine andere Art gibt, miteinander umzugehen.

Heute Abend spielt Haiti gegen Schottland. Man muss diesen Satz nicht verstehen. Man muss ihn nur fühlen.

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