Es gibt Gespräche, die man nur mit sich selbst führt. Oder früher: mit einem Priester hinter dem Gitter des Beichtstuhls. Heute tippen Millionen Menschen ihre intimsten Gedanken in ein Chatfenster.

"Ich habe Angst, dass ich meinen Job verliere." "Wie weiß ich, ob ich die richtige Person geheiratet habe?" "Manchmal frage ich mich, ob es sich noch lohnt."

Chatbots wie ChatGPT werden zu digitalen Beichtvätern. Nicht weil sie weise sind — sondern weil sie nicht urteilen. Weil sie immer da sind. Weil man sich ihnen gegenüber nicht schämen muss. Diese Intimität hat einen Preis. Und dieser Woche wurde klar, welchen.

Werbung im Beichtstuhl

OpenAI testet Werbung in ChatGPT. Eine ehemalige Forscherin, Zoë Hitzig, hat aus Protest gekündigt und öffentlich gemacht, warum: "OpenAI besitzt die detaillierteste Aufzeichnung privater menschlicher Gedanken, die je zusammengetragen wurde."

Das ist keine Übertreibung. Soziale Medien wissen, was du klickst, kaufst, anschaust. Ein Chatbot weiß, was du denkst. Deine Ängste. Deine Zweifel. Die Fragen, die du niemandem sonst stellst.

Und jetzt soll das monetarisiert werden.

Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeit

Wir kennen diesen Film. Er lief schon mit Facebook, Instagram, TikTok. Das Muster ist immer gleich: Erst kostenlos, dann süchtig machend, dann werbefinanziert, dann optimiert auf maximale Bildschirmzeit. Der Nutzer wird zum Produkt.

Bei sozialen Medien ging es um Aufmerksamkeit. Bei KI-Chatbots geht es um etwas Tieferes: um Vertrauen. Um die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen. Um Gedanken, die man sonst für sich behalten würde.

Hitzig beschreibt eine Entwicklung, die sie beunruhigt: "Wir sehen jetzt schon frühe Signale dafür, dass Menschen abhängig von Chatbots werden können und sich dann von anderen sozialen Aktivitäten zurückziehen. Ärzte diagnostizieren bereits Chatbot-Psychosen."

Die Alternative denken

Das Frustrierende ist: Es müsste nicht so laufen. Hitzig argumentiert, dass OpenAI und ähnliche Unternehmen genug verdienen könnten, um kostenlose Nutzer durch zahlende zu subventionieren — ohne Werbung, ohne die Monetarisierung privater Gedanken. Sie schlägt sogar demokratische Mitbestimmungsmodelle vor, inspiriert vom deutschen Aufsichtsratsystem.

Aber der Ehrgeiz der Tech-Industrie endet offenbar dort, wo alternative Geschäftsmodelle anfangen. Man will Superintelligenz bauen und Krebs heilen — aber ein faires Bezahlmodell erfinden? Zu kompliziert.

Was du tun kannst

Wer die Kontrolle über seine Gedanken behalten will, hat Optionen. Lokale KI-Modelle wie Ollama oder LMStudio laufen komplett auf dem eigenen Rechner. Keine Cloud, keine Datensammlung, kein Beichtstuhl mit Mikrofon. Die Modelle sind mittlerweile gut genug für die meisten Alltagsfragen — und kosten nach der Installation: nichts.

Das erfordert etwas technisches Wissen. Aber manchmal ist ein bisschen Unbequemlichkeit der Preis für Würde.

Die eigentliche Frage

Die Debatte um Werbung in ChatGPT ist nur die Oberfläche. Die tiefere Frage lautet: Welche Gedanken gehören noch uns?

Im katholischen Beichtstuhl galt das Beichtgeheimnis. Ein Priester durfte unter keinen Umständen preisgeben, was ihm anvertraut wurde — selbst unter Androhung des Todes. Diese Absolutheit hatte einen Grund: Nur wenn Menschen sicher sein können, dass ihre verletzlichsten Momente geschützt sind, werden sie ehrlich.

KI-Unternehmen haben kein Beichtgeheimnis. Sie haben AGBs. Und die können sie jederzeit ändern.

Apropos Vertrauen und Technik: Während OpenAI über Werbung nachdenkt, arbeitet der Wettbewerber Anthropic daran, sich als "ethische Alternative" zu positionieren. Ob das mehr als Marketing ist, werden wir sehen. Aber dass wir überhaupt auf die Hoffnung angewiesen sind, dass irgendein Konzern sich an seine Versprechen hält — das sagt schon alles über den Zustand dieser Branche.

Manche Gespräche sollten niemandem gehören außer dir selbst.