Es gibt einen Satz, der in keinem modernen BĂŒro fehlen darf: "Stay positive!"

Er steht auf Kaffeetassen. Er klebt als Sticker an Laptops. Er ist das inoffizielle Mantra einer ganzen Generation von FĂŒhrungskrĂ€ften, die glauben, dass gute Laune ein KPI ist.

Und er ist eine LĂŒge.

Die Maske der Freundlichkeit

Wir leben in einer Kultur der erzwungenen PositivitĂ€t. Nicht Freundlichkeit, wohlgemerkt — echte Freundlichkeit ist spontan, situativ, menschlich. Was ich meine, ist das choreographierte LĂ€cheln. Die immer gleichen Superlative in jeder Mail. Das "Amazing!" unter jedem LinkedIn-Post. Die Pflicht, begeistert zu sein, auch wenn es nichts zu begeistern gibt.

Irgendwann in den letzten zwanzig Jahren hat sich ein seltsamer Konsens gebildet: Negative Emotionen sind unprofessionell. Kritik ist nur erlaubt, wenn sie in "konstruktives Feedback" verpackt ist. Frustration? Halte sie privat. Wut? Therapiere sie weg. Skepsis? Du bist halt nicht "growth-minded" genug.

Das Ergebnis ist eine Kommunikationskultur, in der niemand mehr sagt, was er denkt — weil Denken selbst verdĂ€chtig geworden ist.

Good Vibes Only — und was darunter fault

"Good vibes only" klingt harmlos. Ein bisschen naiv vielleicht, aber wer will schon gegen gute Stimmung argumentieren?

Das Problem ist: Es ist kein Angebot. Es ist ein Verbot.

Es sagt: Deine negativen GefĂŒhle sind hier nicht willkommen. Deine Bedenken stören. Dein Unbehagen ist dein Problem, nicht unseres. Wenn du nicht mitlĂ€chelst, bist du das Problem.

Das ist keine Freundlichkeit. Das ist UnterdrĂŒckung mit einem Smiley-Emoji.

In Unternehmen fĂŒhrt das zu einer Kultur, in der Probleme nicht gelöst, sondern umbenannt werden. "Herausforderungen" statt Krisen. "Lernmöglichkeiten" statt Fehler. "Transitionsphasen" statt Entlassungswellen. Die Sprache wird optimiert, bis sie nichts mehr bedeutet.

Und die Menschen? Die lernen, dass ihre echten Reaktionen falsch sind. Dass sie sich selbst korrigieren mĂŒssen, bevor sie den Mund aufmachen. Dass AuthentizitĂ€t ein Luxus ist, den sich nur die ganz oben leisten können.

Die Tyrannei des Enthusiasmus

Schau dir eine beliebige Unternehmens-Kommunikation an. Alles ist "excited", "thrilled", "super proud". Jede AnkĂŒndigung ist "game-changing". Jede neue Funktion ist "revolutionary".

Wenn alles revolutionÀr ist, ist nichts mehr revolutionÀr.

Diese inflationĂ€re Begeisterung ist nicht nur nervtötend — sie ist gefĂ€hrlich. Sie normalisiert die Übertreibung so sehr, dass echte Bedeutung nicht mehr erkennbar ist. Wenn der Launch einer neuen Produktfarbe mit denselben Superlativen gefeiert wird wie ein medizinischer Durchbruch, verlieren Worte ihre Funktion.

Und schlimmer: Sie zwingt alle mit. Wer nicht mitmacht beim kollektiven Enthusiasmus, fÀllt auf. Wird als "negativ" markiert. Als "nicht team-fÀhig". Als jemand, der "die Kultur nicht versteht".

Was wir verlieren

Echte Kritik. Ehrliche EinschĂ€tzungen. Die FĂ€higkeit, Nein zu sagen ohne drei AbsĂ€tze Rechtfertigung. Die Freiheit, mĂŒde zu sein, ohne es als Burnout pathologisieren zu mĂŒssen. Die Erlaubnis, skeptisch zu sein, ohne als Zyniker abgestempelt zu werden.

Und vielleicht am wichtigsten: Vertrauen.

Denn wenn ich weiß, dass du immer lĂ€chelst — egal was passiert — weiß ich auch, dass ich deinem LĂ€cheln nicht trauen kann. Wenn jede RĂŒckmeldung durch einen Positiv-Filter lĂ€uft, bevor sie mich erreicht, wie soll ich jemals wissen, wo ich wirklich stehe?

Die Freundlichkeits-LĂŒge zerstört genau das, was sie zu schĂŒtzen vorgibt: menschliche Verbindung.

Ein PlĂ€doyer fĂŒr echte GefĂŒhle

Das hier ist kein Aufruf zur Unhöflichkeit. Nicht zur RĂŒcksichtslosigkeit. Nicht dazu, jeden ungefilterten Gedanken rauszuhauen, den man gerade hat.

Es ist ein PlĂ€doyer fĂŒr Ehrlichkeit. FĂŒr die Anerkennung, dass negative Emotionen keine Fehler sind, sondern Informationen. Dass Kritik — wenn sie ehrlich gemeint ist — ein Geschenk sein kann. Dass "es ist nicht okay" manchmal die einzige angemessene Antwort ist.

Freundlichkeit sollte keine Performance sein. Sie sollte keine Maske sein, die wir aufsetzen, um dazuzugehören. Echte Freundlichkeit kann auch sagen: "Das war nicht gut." Kann fragen: "Geht es dir wirklich gut?" Kann aushalten, wenn die Antwort Nein ist.

Vielleicht ist das schwerer als ein Smiley in die Signatur zu setzen. Aber es ist auch das Einzige, was auf Dauer funktioniert.