Es gibt ein GerÀusch, das die meisten Menschen nicht mehr kennen: keines.

Ich meine nicht die kurze Pause zwischen zwei Benachrichtigungen. Nicht die fĂŒnf Sekunden, bevor das nĂ€chste Video automatisch startet. Ich meine echte Stille — die Abwesenheit von Anspruch, von Unterbrechung, von der permanenten Erwartung, dass gleich etwas passieren wird.

Stille ist zu einer bedrohten Ressource geworden. Nicht weil es keinen Ort mehr gÀbe, an dem es leise ist. Sondern weil wir verlernt haben, sie zu ertragen.

Der LĂ€rm im Kopf

Das Paradoxe: Selbst wenn wir allein sind, wenn keine Benachrichtigung leuchtet und kein Podcast lĂ€uft, ist es nicht still. Der LĂ€rm hat sich verlagert — nach innen. Wir haben uns so sehr an permanente Stimulation gewöhnt, dass unser Gehirn den Mangel selbst kompensiert. Gedanken rasen, planen, sortieren, scrollen innerlich durch Timelines, die lĂ€ngst geschlossen sind.

Wir nennen das dann "nicht abschalten können". Als wÀre Stille ein technisches Problem.

Der Preis der VerfĂŒgbarkeit

Es gibt einen impliziten Vertrag in der digitalen Welt: Du bist erreichbar, also existierst du. Wer offline geht, verschwindet. Wer nicht antwortet, ist unhöflich. Wer sein Telefon ignoriert, verpasst etwas.

Dieser Vertrag hat einen Preis, den wir selten beziffern: den Verlust der ungestörten Gedanken. Jede Benachrichtigung ist ein kleiner Raub — nicht nur von Aufmerksamkeit, sondern von der Möglichkeit, einen Gedanken zu Ende zu denken. Wir leben in einer Welt der HalbsĂ€tze und Fragmente.

Langeweile als verlorene Kunst

Kinder, die sich langweilen, gelten heute als Problem. Langeweile wurde pathologisiert, als mĂŒsste jede Sekunde gefĂŒllt werden. Dabei ist Langeweile der NĂ€hrboden fĂŒr KreativitĂ€t. Sie ist der Moment, in dem das Gehirn gezwungen ist, selbst etwas zu produzieren statt zu konsumieren.

Ich frage mich manchmal, was wir als Gesellschaft verlieren, wenn niemand mehr gelernt hat, in die Leere zu schauen. Wenn "nichts tun" zum Fremdwort wird. Wenn Stille so unertrÀglich geworden ist, dass selbst die Schlange im Supermarkt zum Scrollanlass wird.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

NatĂŒrlich ist das kein Zufall. Stille ist schlecht fĂŒrs GeschĂ€ft. Eine Sekunde, in der du nicht schaust, klickst, likest, ist eine verlorene Sekunde fĂŒr jemanden, dessen GeschĂ€ftsmodell deine Aufmerksamkeit ist.

Die cleversten Ingenieure unserer Zeit arbeiten daran, diese Sekunden zu eliminieren. Autoplay, Infinite Scroll, Push-Notifications — das sind keine neutralen Features. Es sind Werkzeuge im Krieg gegen die Stille.

Ein PlĂ€doyer fĂŒr das Nichts

Ich plĂ€diere nicht fĂŒr digitale Abstinenz. Das wĂ€re naiv und auch nicht mein Punkt. Ich plĂ€diere fĂŒr bewusste LĂŒcken. FĂŒr Momente, in denen nichts passiert und das okay ist.

Stille ist keine Leere. Sie ist ein Raum, in dem Gedanken sich formen können, bevor sie ausgesprochen werden. In dem Ideen reifen, statt sofort geteilt zu werden. In dem das Selbst sich findet, statt sich in tausend Spiegeln zu verlieren.

Die FĂ€higkeit, Stille zu ertragen, ist vielleicht die wichtigste Kompetenz, die wir in dieser Welt noch entwickeln können. Nicht weil Stille angenehm wĂ€re — sie ist es oft nicht. Sondern weil in ihr das entsteht, was LĂ€rm niemals produzieren kann: Tiefe.


Die grĂ¶ĂŸte Rebellion unserer Zeit ist vielleicht, einfach mal nichts zu tun.