Es gibt eine Fähigkeit, die Menschen seit Jahrtausenden besitzen und die wir nie als Fähigkeit erkannt haben: Vergessen.

Vergessen ist keine Schwäche. Es ist ein Feature.

Das Gehirn vergisst nicht, weil es schlecht funktioniert. Es vergisst, weil es gut funktioniert. Es sortiert aus, was nicht mehr relevant ist. Es macht Platz für Neues. Es erlaubt, dass der dumme Satz von vor zehn Jahren nicht mehr präsent ist, wenn du heute in den Spiegel schaust.

Das Internet hat diese Fähigkeit nicht.

Das ewige Archiv

Alles, was du je online gesagt hast, existiert irgendwo noch. Der peinliche MySpace-Post von 2006. Der wütende Kommentar von 2014. Das Foto von der Party, das niemals hätte existieren sollen. Der Tweet, den du nach zwei Gläsern Wein um 2 Uhr nachts abgesetzt hast.

Selbst wenn du löschst — die Wayback Machine erinnert sich. Screenshots existieren. Caches existieren. Irgendein Server in irgendeinem Rechenzentrum hat eine Kopie.

Das Internet vergisst nicht. Es kann nicht vergessen. Es ist physisch nicht dazu in der Lage.

Und wir tun so, als wäre das kein Problem.

Die Person von vor zehn Jahren

Hier ist die Sache: Du bist nicht mehr die Person, die du vor zehn Jahren warst. Niemand ist das.

Mit 20 hattest du andere Überzeugungen als mit 30. Mit 30 andere als mit 40. Das ist nicht Schwäche — das ist Wachstum. Lernen. Reifen. Der ganze Sinn eines Menschenlebens ist, dass man sich verändert.

Aber das Internet behandelt dich, als wärst du eine konstante Entität. Als wäre der Mensch von 2015 derselbe wie der von 2025. Als müsstest du heute noch für jeden Satz geradestehen, den du je formuliert hast.

Das ist absurd. Und es ist grausam.

Cancel Culture ist nur das Symptom

Ja, ich weiß, „Cancel Culture" ist ein aufgeladener Begriff. Aber hinter dem politischen Streit liegt eine reale Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft damit um, dass jeder Fehler jedes Menschen prinzipiell auffindbar ist?

Die traditionelle Antwort war: Vergessen. Nicht weil Fehler okay sind, sondern weil Menschen die Chance verdienen, sich zu ändern. Weil Bestrafung irgendwann enden muss. Weil eine Gesellschaft, die nie vergibt, eine Gesellschaft ist, in der niemand mehr Risiken eingeht.

Das Internet hat diese informelle Amnestie aufgehoben. Und wir haben noch keine neue Konvention gefunden, die an ihre Stelle tritt.

Der Preis der Transparenz

Wir haben „Transparenz" zur Tugend erklärt. Alles soll sichtbar sein. Alles soll nachvollziehbar sein. Information will frei sein.

Aber Transparenz hat einen Preis. Und einen Teil dieses Preises zahlen wir mit dem Verlust des Vergessens.

Wenn alles dokumentiert ist, gibt es keine zweite Chance. Wenn jeder Fehler archiviert wird, wird Vorsicht zur einzigen Strategie. Wenn die Vergangenheit nie vergeht, ist Veränderung sinnlos — man wird ohnehin auf das reduziert, was man einmal war.

Das Ergebnis: Menschen werden risikoscheuer. Aussagen werden generischer. Authentizität wird gefährlich. Warum etwas Echtes sagen, wenn es in zehn Jahren gegen dich verwendet werden kann?

Das Paradox der Permanenz

Hier ist das Verrückte: Die Permanenz des Internets produziert nicht mehr Wahrheit. Sie produziert mehr Vorsicht.

Wer weiß, dass alles für immer gespeichert wird, sagt weniger. Oder sagt nur noch das, was unangreifbar ist. Die klugen Menschen verschwinden in den privaten Chats, in den verschlüsselten Kanälen, in den Gesprächen, die nicht aufgezeichnet werden.

Was öffentlich bleibt, wird steriler. Performativer. Weniger ehrlich.

Die Permanenz, die Wahrheit schützen sollte, zerstört die Bedingungen, unter denen Wahrheit gesagt werden kann.

Ein Recht, das wir brauchen

Das „Recht auf Vergessenwerden" existiert in Europa seit 2014 — zumindest auf dem Papier. Man kann Google bitten, bestimmte Suchergebnisse zu entfernen. Es ist ein Anfang.

Aber es ist nicht genug. Weil das Problem tiefer liegt als Suchmaschinen.

Das Problem ist kulturell. Wir behandeln die Vergangenheit als endgültiges Urteil über die Gegenwart. Wir glauben, dass alte Posts „die wahre Person" enthüllen. Wir verwechseln Dokumentation mit Identität.

Was wir bräuchten, ist nicht nur ein rechtliches Instrument. Was wir bräuchten, ist eine neue soziale Konvention: Die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass Menschen sich ändern. Dass der Screenshot von 2012 nicht relevant ist für 2026. Dass Vergeben keine Schwäche ist.

Vergessen als Gnade

In analogen Zeiten war Vergessen keine Wahl — es passierte einfach. Erinnerungen verblassten. Zeugen starben. Dokumente gingen verloren. Das war manchmal tragisch. Aber es war auch gnädig.

Es bedeutete: Du bekommst eine zweite Chance. Du kannst wegziehen und neu anfangen. Du kannst deine Fehler hinter dir lassen. Die Person, die du wirst, muss nicht für immer im Schatten der Person stehen, die du warst.

Diese Gnade haben wir abgeschafft. Nicht durch Absicht, sondern durch Technologie. Wir haben ein perfektes Gedächtnis gebaut — und erst langsam verstehen wir, was es kostet.

Die unbequeme Frage

Was wäre, wenn wir das Vergessen als Wert behandeln würden? Nicht als Versagen, sondern als Notwendigkeit?

Was wäre, wenn wir akzeptieren würden, dass nicht alles archiviert werden sollte? Dass manche Dinge verblassen dürfen? Dass die Möglichkeit zur Veränderung wichtiger ist als die lückenlose Dokumentation?

Das klingt rückständig in einer Zeit, die Daten anbetet. Aber vielleicht ist es das Progressivste, was wir fordern können: Das Recht, nicht für immer auf das reduziert zu werden, was wir einmal waren.


Das Internet erinnert sich an alles. Die Frage ist, ob wir das wirklich wollen — oder ob wir nur vergessen haben, warum Vergessen wichtig war.