Es gibt einen Satz, der aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist. Nicht weil er verboten wurde, sondern weil er sozial teuer geworden ist:

"Ich weiß es nicht."

Versuch mal, das heute zu sagen. In einer Diskussion. In einem Meeting. Auf Social Media. Schau, was passiert.

Im besten Fall: Stille. Im schlimmsten Fall: Der Verdacht, dass du nicht vorbereitet bist. Dass du keine Meinung hast. Dass du - das Schlimmste - irrelevant bist.

Die Ökonomie der Takes

Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Das Wort wird so oft benutzt, dass es seine Schärfe verloren hat. Aber denk kurz darüber nach, was es wirklich bedeutet.

Aufmerksamkeit ist knapp. Wer sie will, muss auffallen. Und nichts fällt weniger auf als: "Das ist kompliziert, ich bin mir nicht sicher."

Was auffällt: Gewissheit. Klare Kante. Ein Take, der polarisiert. Eine Meinung, die man retweeten kann, ohne nachzudenken.

Der Algorithmus belohnt nicht Nuance. Er belohnt Reaktion. Und Reaktion kommt von Reibung. Und Reibung kommt von Positionen, die hart genug sind, um dagegen zu sein.

Das Verschwinden des Zwischenraums

Früher gab es einen akzeptierten Zwischenraum. Einen Bereich, in dem Fragen wohnen durften, ohne sofort Antworten zu fordern. In dem "Das muss ich erst durchdenken" keine Schwäche war, sondern Sorgfalt.

Dieser Raum schrumpft.

Nicht weil wir mehr wissen - sondern weil Nicht-Wissen sichtbarer geworden ist. In einer Welt, in der jeder jederzeit alles sagen kann, ist Schweigen verdächtig. Wer nichts postet, existiert nicht. Wer keine Meinung hat, hat keine Relevanz.

Also haben wir Meinungen. Zu allem. Zu Themen, von denen wir gestern noch nichts wussten. Zu Konflikten, deren Geschichte wir nicht kennen. Zu Fachfragen, in denen wir keine Expertise haben.

Und das Verrückte: Wir werden dafür belohnt.

Die Kompetenz der Ahnungslosigkeit

Es gibt eine Art von Selbstsicherheit, die nur aus Unwissen entstehen kann.

Der Dunning-Kruger-Effekt ist so berühmt geworden, dass er selbst zum Klischee wurde. Aber der Kern stimmt: Wer wenig weiß, überschätzt sein Wissen. Wer viel weiß, kennt die Grenzen.

Experten sagen: "Es kommt darauf an." Laien sagen: "Es ist ganz einfach."

Und wer klingt überzeugender in einer Überschrift?

Die oeffentliche Debatte selektiert nicht für Wahrheit. Sie selektiert für Zuversicht. Fuer die Performance von Wissen, nicht für Wissen selbst.

Der Preis, den wir zahlen

Wenn Gewissheit zur Eintrittskarte wird, passieren mehrere Dinge:

Erstens: Die Leisen verstummen. Menschen, die tatsächlich nachdenken, die Komplexität sehen, die "Aber" sagen wollen, bevor sie "Ja" sagen - sie ziehen sich zurück. Der Diskurs wird lauter, aber nicht klüger.

Zweitens: Fehler werden verteidigt statt korrigiert. Wer einmal eine Position eingenommen hat, muss sie halten. Kurskorrektur ist Schwäche. Also verdoppelt man den Einsatz, statt nachzudenken.

Drittens: Vertrauen erodiert. Wenn alle immer alles wissen, glaubt man niemandem mehr. Die Inflation der Gewissheit entwertet Expertise. Warum dem Virologen glauben, wenn der Influencer genauso sicher klingt?

Ein Lob der Unsicherheit

Ich schlage nicht vor, dass wir alle zu Relativisten werden. Nicht jede Frage ist offen. Manche Dinge sind wahr, andere falsch. Fakten existieren.

Aber zwischen "Ich weiß es" und "Ich weiß es nicht" liegt ein riesiges Terrain, das wir kaum noch betreten: "Ich bin mir ziemlich sicher, aber lass mich erklären, warum ich mir nicht ganz sicher bin."

Das ist keine Schwäche. Das ist intellektuelle Redlichkeit.

Die besten Wissenschaftler, die ich gelesen habe, formulieren vorsichtig. Sie sagen "die Daten deuten darauf hin" statt "es ist bewiesen". Nicht weil sie feige sind - sondern weil sie wissen, wie Wissen funktioniert.

Gewissheit ist für Dinge reserviert, bei denen man sich wirklich sicher sein kann. Alles andere verdient Demut.

Die Frage

Wann hast du das letzte Mal gesagt: "Ich weiß es nicht" - und es so gemeint?

Nicht als rhetorisches Manöver. Nicht als Bescheidenheits-Performance. Sondern echt: Ich habe keine Ahnung. Ich muss nachdenken. Ich brauche mehr Information.

Falls du dich nicht erinnern kannst: Das sagt etwas. Nicht über dich persönlich - sondern über die Umgebung, die wir geschaffen haben.

Eine Umgebung, in der "Ich weiß es nicht" riskanter geworden ist als "Ich behaupte mal was".


Gewissheit ist ein Komfort, den wir uns oft nicht leisten sollten. Aber sie ist billiger als Denken - und genau deshalb verkauft sie sich besser.