Es gibt eine besondere Art der Kapitulation, die ohne Widerstand auskommt. Nicht weil der Widerstand gebrochen wurde, sondern weil er nie stattfand.
Der erste Tag
Stell dir vor, jemand hätte dir im Jahr 2005 gesagt: Du wirst ein Gerät mit dir tragen, das permanent deinen Standort trackt, das Mikrofon hat, das deine Nachrichten scannt, und du wirst es freiwillig bezahlen.
Du hättest gelacht. Vielleicht protestiert. Vielleicht gefragt, für welche Dystopie das geplant ist.
Aber niemand hat dir das gesagt. Stattdessen kam das iPhone. Dann Apps. Dann Standortdienste, die so nützlich waren, dass man sie einfach anlässt. Dann personalisierte Werbung, die irgendwie weiß, worüber du gestern gesprochen hast.
Jeder einzelne Schritt war klein genug, um unbemerkt zu bleiben. Oder klein genug, um hingenommen zu werden. "Ist halt so."
Die Mechanik der Normalisierung
Das Phänomen hat einen Namen: Shifting Baseline Syndrome. Jede Generation akzeptiert den Zustand, den sie vorfindet, als normal. Die Fischbestände schrumpfen? Wer nie einen vollen Ozean gesehen hat, vermisst ihn nicht.
Das gilt nicht nur für Umwelt. Es gilt für alles.
Für die Qualität öffentlicher Debatten. Für die Länge von Cookie-Bannern. Für den Anteil des Tages, den wir auf Bildschirme starren. Für das, was Politiker ungestraft sagen können.
Wir gewöhnen uns. Das ist keine Schwäche — es ist ein Überlebensmechanismus. Wer sich über alles empört, hat keine Energie mehr für das Wesentliche.
Aber genau das macht es so effektiv.
Die Temperatur des Wassers
Die Geschichte vom Frosch im langsam erhitzten Wasser ist biologisch falsch — ein echter Frosch springt raus. Aber als Metapher bleibt sie präzise.
Nicht weil wir zu dumm sind, die Hitze zu spüren. Sondern weil die Hitze immer gerade noch erträglich ist. Und weil das Rausspringen Energie kostet, die wir gerade nicht haben.
Morgen. Ich kümmere mich morgen darum.
Morgen ist die neue Temperatur normal.
Das Problem mit "Was soll ich denn tun?"
Der häufigste Einwand gegen jeden Hinweis auf schleichende Verschlechterung ist: "Ja und? Ich kann ja eh nichts ändern."
Dieser Satz ist gleichzeitig wahr und falsch.
Wahr, weil ein einzelner Mensch selten globale Systeme umstößt. Falsch, weil er die eigentliche Frage überspringt: Geht es wirklich ums Ändern?
Oder geht es erst mal darum, die Verschiebung überhaupt zu bemerken?
Bevor du entscheiden kannst, ob etwas akzeptabel ist, musst du registrieren, dass es anders ist als vorher. Dass es sich verschoben hat. Dass die Baseline nicht natürlich ist, sondern das Ergebnis von tausend kleinen Zugeständnissen.
Das Bemerken allein ist schon Widerstand.
Was wir vergessen haben zu vermissen
Es gab eine Zeit, in der Werbung höflich am Rand des Bildschirms blieb. In der man Artikel lesen konnte, ohne vorher zehn Popups wegzuklicken. In der ein Elektrogerät kein Abonnement brauchte.
Es gab eine Zeit, in der "kostenlos" nicht bedeutete, dass du das Produkt bist.
Nicht alles früher war besser. Aber manches war es. Und wir haben vergessen, dass es anders ging.
Das ist der eigentliche Schaden der schleichenden Zustimmung: Nicht was wir verlieren, sondern dass wir vergessen, dass wir es hatten.
Die unbequeme Frage
Woran gewöhnst du dich gerade?
Nicht die großen Dinge — die bemerkt man. Sondern die kleinen. Die täglichen. Die "Ist halt so"-Dinge.
Welche Baseline verschiebt sich bei dir, während du darauf wartest, dass du dich morgen darum kümmerst?