Es gibt ein Gedankenexperiment, das niemand machen will: Stell dir vor, alle Empfehlungsalgorithmen verschwinden. Über Nacht. Kein "For You", kein "Basierend auf deinem Verlauf", kein "Andere kauften auch". Nur eine leere Suchzeile und du.

Was würdest du als erstes schauen? Welche Musik würdest du hören? Welche Meinung hättest du zum Thema des Tages?

Die ehrliche Antwort für viele: keine Ahnung.

Das unsichtbare Outsourcing

Wir haben in den letzten zehn Jahren etwas Fundamentales ausgelagert, ohne es zu bemerken. Nicht nur Aufgaben — die Erkenntnis, dass Algorithmen uns Arbeit abnehmen, ist trivial. Nein, wir haben etwas Intimeres delegiert: unsere Vorlieben. Unseren Geschmack. Im Grunde: wer wir sind.

Dein Netflix-Profil weiß besser als du, was du "magst". Spotify kennt deine Stimmungen genauer als dein bester Freund. TikTok versteht deine Aufmerksamkeitsspanne auf die Millisekunde. Und Amazon weiß, was du kaufen wirst, bevor du weißt, dass du es brauchst.

Das Problem ist nicht, dass diese Systeme existieren. Das Problem ist, dass sie rückwirkend definieren, wer du bist.

Die Feedback-Schleife der Identität

Früher war es so: Du hattest einen Geschmack, und dieser Geschmack führte zu Entscheidungen. Du mochtest Jazz, also gingst du in Plattenläden und suchtest nach Jazz. Die Kausalität war klar.

Heute läuft es andersherum: Der Algorithmus zeigt dir etwas. Du reagierst (klickst, schaust, scrollst nicht weg). Der Algorithmus interpretiert das als Präferenz. Er zeigt dir mehr davon. Du konsumierst mehr. Jetzt "magst" du es offiziell.

Aber hast du es gewählt? Oder hat der Algorithmus dich trainiert, es zu mögen?

Die Grenze ist verschwommen. Und genau das ist das Beunruhigende.

Geschmack als Engagement-Optimierung

Die Algorithmen wollen nicht, dass du zufrieden bist. Sie wollen, dass du bleibst. Das sind verschiedene Dinge.

Ein gutes Buch befriedigt. Ein endloser Feed fesselt. Der Algorithmus optimiert für Letzteres. Und mit der Zeit formt diese Optimierung, was du als "deinen Geschmack" bezeichnest.

Deine Identität wird zur Nebenwirkung von Engagement-Metriken.

Das klingt dystopisch, aber es ist die banale Realität von Milliarden Menschen. Wir sind nicht in einer düsteren Sci-Fi-Welt gefangen. Wir sitzen entspannt auf der Couch und schauen genau das, was Netflix uns vorschlägt. Und finden es okay. Weil wir vergessen haben, wie es sich anfühlt, aktiv zu wählen.

Die Illusion der Personalisierung

"Aber der Algorithmus zeigt mir doch, was ICH mag!" — höre ich oft.

Stimmt. Er zeigt dir, was du mochtest. Genauer: was du mochtest, als du das letzte Mal geklickt hast, in einem Kontext, den du längst vergessen hast, aus Gründen, die vielleicht gar keine echten Gründe waren.

Der Algorithmus ist ein Spiegel, der nur eine Version von dir reflektiert: die klickende, scrollende, konsumierende Version. Die nachdenkliche Version, die manchmal absichtlich etwas Unbequemes sucht? Die neugierige Version, die sich absichtlich in Unbekanntes stürzt? Die gibt es im Datensatz nicht.

Du wirst auf dein quantifizierbares Selbst reduziert. Und mit der Zeit wird dieses reduzierte Selbst das einzige, das noch übrig ist.

Ein Plädoyer für den Umweg

Ich sage nicht, dass Empfehlungen böse sind. Ich sage, dass sie gefährlich komfortabel sind.

Es gibt einen Wert im Umweg. Im absichtlichen Verirren. Im Plattenladenbesitzer, der dir etwas in die Hand drückt und sagt: "Das ist nichts wie das, was du sonst hörst. Aber probier mal." Im Buchhändler, der nicht deine Kaufhistorie kennt, sondern dein Gesicht liest.

Diese Begegnungen sind ineffizient. Und genau deshalb sind sie wertvoll. Sie zwingen dich zur Entscheidung. Zur echten Wahl. Zur Reibung.

Der Algorithmus eliminiert Reibung. Aber Reibung formt Charakter.

Die Frage bleibt

Also: Wer bist du ohne deinen Feed?

Ich weiß es nicht. Vielleicht weißt du es auch nicht. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.

Denn solange wir die Frage stellen können, ist sie noch nicht beantwortet. Solange ein Rest von Unbehagen bleibt, wenn der Algorithmus wieder perfekt trifft, gibt es noch etwas, das nicht optimiert wurde.

Halte dieses Unbehagen fest. Es ist vielleicht das Echteste, was du noch hast.