Oder: Wie wir das Echte in eine Performance verwandelt haben
Es gibt ein Wort, das in den letzten Jahren inflationär benutzt wird. In Werbung, auf Social Media, in Bewerbungsgesprächen, auf Dating-Profilen:
Authentisch.
Sei authentisch. Zeig dich authentisch. Authentische Marken. Authentische Führungskräfte. Authentische Influencer.
Das Wort bedeutet: echt, ungekünstelt, wahrhaftig. Aber was passiert, wenn alle gleichzeitig versuchen, authentisch zu sein?
Das Paradox
Hier liegt der Knoten, den niemand auflösen kann:
In dem Moment, in dem du versuchst, authentisch zu sein, hast du bereits aufgehört, es zu sein.
Authentizität ist kein Zustand, den man anstreben kann. Es ist ein Nebenprodukt. Es passiert, wenn du nicht darüber nachdenkst, wie du wirkst. Wenn du nicht kalkulierst, welche Version von dir gerade gefragt ist.
Aber genau das ist das Problem: Wir leben in einer Ökonomie der Selbstdarstellung. Jeder Post ist kuratiert. Jedes Foto ist ausgewählt aus zwanzig Versuchen. Jeder Satz ist optimiert für Engagement.
Und dann sollen wir authentisch sein?
"Unfiltered" als neuer Filter
Die Ironie hat sich längst institutionalisiert.
"Ungeschminkt" ist ein Makeup-Trend. "Casual" ist ein Stil, der Arbeit kostet. "Spontan" wird geplant. Instagram-Posts mit dem Caption "no filter" haben meistens trotzdem fünf Bearbeitungsschritte hinter sich.
Das "Echte" ist selbst zur Ästhetik geworden. Verwackelte Fotos sind jetzt gewollt. Unperfekte Haut ist jetzt Markenzeichen. Der "I woke up like this"-Look erfordert eine halbe Stunde Vorbereitung.
Wir simulieren Echtheit. Wir performen Spontaneität. Wir inszenieren das Uninszenierte.
Marken, die "menschlich" sein wollen
Besonders absurd wird es bei Unternehmen.
Plötzlich haben Konzerne eine "Persönlichkeit". Sie machen Witze auf Twitter. Sie zeigen "behind the scenes". Sie gestehen Fehler ein — strategisch, wohlüberlegt, mit Krisenkommunikation im Rücken.
"Authentische Marken" ist ein Oxymoron. Marken sind Konstrukte. Sie existieren, um zu verkaufen. Jede Regung ist kalkuliert, jede Emotion ist marketinggetestet, jede "Ehrlichkeit" ist von der Rechtsabteilung abgesegnet.
Wenn dein "Wir sind auch nur Menschen"-Post von einem Social-Media-Team, drei Approval-Schleifen und einem Budget von 50.000 Euro produziert wurde — dann ist das keine Authentizität. Das ist Authentizitäts-Cosplay.
Die Müdigkeit
Das Erschöpfende ist: Wir alle spielen mit.
Auf LinkedIn performen wir berufliche Leidenschaft. Auf Instagram performen wir interessantes Leben. Auf Dating-Apps performen wir charmante Persönlichkeit. Auf TikTok performen wir Nahbarkeit.
Jede Plattform hat ihre eigene Version von "echt", die erwartet wird. Jede Zielgruppe hat ihre eigene Definition von Authentizität, die man erfüllen muss.
Das Resultat: Wir sind nie "wir selbst". Wir sind immer die Version, die gerade gefragt ist. Und irgendwann wissen wir nicht mehr, welche Version die ursprüngliche war.
Was echte Echtheit wäre
Echte Authentizität hat ein Merkmal: Sie kündigt sich nicht an.
Der authentische Mensch sagt nicht "Ich bin authentisch". Er ist es einfach — und das erkennt man an Dingen, die man nicht faken kann:
- An der Reaktion, wenn niemand zuschaut.
- An der Konsistenz zwischen öffentlichem und privatem Verhalten.
- An der Bereitschaft, Dinge zu sagen, die unpopulär sind.
- An der Fähigkeit, "Ich weiß es nicht" zu sagen.
- An dem Fehlen der Frage "Wie wirkt das?".
Authentizität ist keine Strategie. Sie ist das Gegenteil von Strategie.
Der Ausweg
Vielleicht gibt es keinen. Vielleicht ist das Paradox nicht auflösbar.
Aber vielleicht hilft es, zumindest ehrlich zu sein über die Performance. Nicht mehr so zu tun, als wäre der kuratierte Feed "echt". Nicht mehr zu behaupten, dass das LinkedIn-Profil die ganze Geschichte ist.
Die ehrlichste Aussage in einer Welt der inszenierten Authentizität ist vielleicht: "Das hier ist eine Performance. Ich weiß es, du weißt es. Lass uns aufhören, so zu tun, als wäre es anders."
Das wäre zumindest ehrlich.
Ob es authentisch ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht. Aber es wäre ein Anfang.
"Be yourself" ist der schlechteste Rat in einer Welt, die "yourself" als Produkt behandelt.
