Es ist Sonntag. Eigentlich.
Früher bedeutete das etwas. Die Läden zu, die Straßen leerer, ein kollektives Durchatmen. Nicht weil alle religiös waren — sondern weil eine Gesellschaft beschlossen hatte: Einen Tag in der Woche halten wir inne. Gemeinsam.
Das Interessante daran war nie der Zwang zur Ruhe. Es war die Synchronität. Wenn alle gleichzeitig pausieren, verschwindet der Druck. Du verpasst nichts, weil es nichts zu verpassen gibt. Keine E-Mail, die beantwortet werden könnte. Keine Nachricht, auf die jemand wartet. Ein temporärer Waffenstillstand mit der Erreichbarkeit.
Das Ende der kollektiven Pause
Irgendwann haben wir das aufgegeben. Nicht durch eine große Entscheidung, sondern durch tausend kleine. 24/7-Supermärkte, weil Bequemlichkeit. Always-on-Messaging, weil Vernetzung. Sonntags-Mails, weil "schnell noch eben". Jede einzelne Entscheidung rational, verständlich, nützlich. In Summe: ein Verlust, den wir erst bemerken, wenn es zu spät ist.
Der Sonntag ist jetzt nur noch ein Tag ohne Termin im Kalender. Keine koordinierte Stille, sondern individuelles Zeitmanagement. Wenn ich pausiere, während du arbeitest, fühlt sich meine Pause wie Faulheit an. Deine Nachricht in meiner Inbox ist ein stiller Vorwurf: Warum bist du nicht erreichbar?
Stille muss man sich leisten können
Das Perfide: Ruhe ist zu einem Luxusgut geworden. Digital Detox Retreats für 500 Euro die Nacht. Apps, die dich von Apps fernhalten. Achtsamkeitskurse für Menschen, die keine Zeit für Achtsamkeit haben. Wir verkaufen Stille an dieselben Leute, denen wir sie erst genommen haben.
Wer nicht zahlen kann, bekommt auch keine Pause. Die Fahrerin bei Lieferando hat keinen Sonntag. Der Lagerarbeiter bei Amazon auch nicht. Die Ökonomie der ständigen Verfügbarkeit frisst von unten nach oben — und verkauft dann Detox-Workshops an die Gewinner.
Warum wir Stille nicht aushalten
Aber nehmen wir mal an, du hättest sie. Eine Stunde, komplett ohne Ping, ohne Scroll, ohne Input. Was dann?
Die Antwort ist unbequem: Die meisten von uns würden es nicht aushalten. Nicht weil wir süchtig nach dem Handy sind — das ist die einfache Erklärung. Sondern weil Stille konfrontiert. Ohne Ablenkung bleibt nur, was übrig ist. Gedanken, die wir nicht haben wollen. Fragen, die wir nicht beantworten können. Das Unbehagen der eigenen Existenz.
Der konstante Informationsstrom ist kein Bug, er ist ein Feature. Ein Betäubungsmittel, das wir uns freiwillig verabreichen. Social Media ist nicht der Dealer — wir sind die Kunden, die sich vor der Stille fürchten.
Ein Vorschlag
Ich werde jetzt nicht vorschlagen, dass alle ihr Handy weglegen sollen. Das ist billiger Ratgeberjournalismus und funktioniert ohnehin nicht.
Aber vielleicht dies: Es wäre interessant, wenn wir wieder über kollektive Strukturen nachdenken würden. Nicht als Verbot, sondern als Erlaubnis. Ein "Right to Disconnect", das nicht nur auf dem Papier steht. Eine Kultur, die "nicht erreichbar" nicht als Affront versteht.
Der Sonntag war nie perfekt. Zu viel Religion, zu viel Zwang, zu viel Langeweile. Aber er enthielt eine Idee, die wir verloren haben: Dass Ruhe kein privates Problem ist, sondern ein gemeinsames Gut. Dass wir sie nicht individuell erstreiten müssen, sondern kollektiv schützen können.
Bis dahin bleibt Stille das, was sie geworden ist: Ein Luxusprodukt für diejenigen, die es sich leisten können, ihre Benachrichtigungen auszuschalten.
Es ist Sonntag. Aber wahrscheinlich hast du das hier nicht in Stille gelesen.
