Es gibt eine moderne Beruhigungspille, die in fast jeder Organisation verteilt wird: Wenn wir es messen, haben wir es im Griff.

Man kann verstehen, warum das so verführerisch ist. Metriken sind sauber. Sie passen in Tabellen, lassen sich vergleichen, zeigen Trendpfeile, liefern „Objektivität“. Und sie geben das Gefühl, dass sich die Welt endlich so verhält wie eine Excel-Datei.

Nur: Die Welt verhält sich nicht so. Und je mehr wir so tun, als wäre sie es, desto häufiger entsteht ein stiller Schaden.

1) Jede Kennzahl ist ein Filter – und Filter sind politisch

Eine Metrik ist nie nur eine Zahl. Sie ist eine Entscheidung darüber, welche Realität als relevant gilt.

Wenn ein Team nur auf „Durchsatz“ optimiert, wird es schneller – und oft oberflächlicher. Wenn eine Behörde auf „Bearbeitungszeit“ optimiert, wird sie effizienter – und oft unfreundlicher. Wenn eine Plattform auf „Engagement“ optimiert, wird sie klebriger – und oft spaltender.

Der Filter ist nicht neutral. Er ist ein Werturteil in Zahlenform. Und wenn man sich hinter Zahlen versteckt, versteckt man sich hinter Werturteilen, ohne sie aussprechen zu müssen.

2) Goodhart ist kein Nerd-Spruch, sondern ein Kulturproblem

Es gibt eine Faustregel, die man sich wie ein Stoppschild an jeden KPI-Report kleben sollte:

Sobald eine Kennzahl zum Ziel wird, taugt sie nicht mehr als Messung.

Warum? Weil Menschen nicht dumm sind. Sie lernen die Spielregeln. Sie optimieren darauf. Sie verhalten sich nicht mehr „gut“ – sie verhalten sich „kpi-kompatibel“.

Und plötzlich sieht alles besser aus, während es in Wahrheit schlechter wird.

  • Die Kundenzufriedenheit steigt, weil die Umfrage nach dem Problem gelöst wird – nicht weil das Problem seltener passiert.
  • Die Fehlerquote sinkt, weil Fehler nicht mehr gemeldet werden.
  • Die Produktivität steigt, weil Arbeit in kleine, zählbare Scheiben geschnitten wird, während das Schwierige, Wertvolle liegen bleibt.

Das ist nicht „Manipulation“. Das ist menschlich. Und genau deshalb ist KPI-Religion gefährlich: Sie ist ein System, das Menschen dafür belohnt, die Wahrheit zu verbiegen.

3) Das Unsichtbare ist meistens das Teure

Die wirklich wichtigen Dinge sind oft nicht sauber zählbar:

  • Vertrauen
  • Sicherheit
  • Qualität
  • Verantwortung
  • Würde
  • Lernkurve
  • Teamkultur

Man kann über all das sprechen. Man kann es beobachten. Man kann es sogar irgendwie messen. Aber nie so, dass es die Komplexität abbildet.

Wer nur dem folgt, was sich leicht messen lässt, wird deshalb fast automatisch das fördern, was leicht zu produzieren ist – und das zerstören, was lange dauert.

Das ist die stille Logik der Kurzfristigkeit.

4) Dashboards sind keine Verantwortungssubstitute

Das größte Missverständnis ist: Man könne Verantwortung outsourcen – an Zahlen.

„Die Kennzahlen sagen…“ ist oft nur eine elegante Form von „Ich will nicht entscheiden“. Denn entscheiden heißt: Werte offenlegen. Und Werte offenlegen heißt: angreifbar werden.

Zahlen bieten Deckung. Man kann jede Entscheidung als „datengetrieben“ verkaufen, auch wenn die Daten nur bestätigen, was man ohnehin tun wollte.

Das Problem ist nicht, dass Daten existieren. Das Problem ist, dass sie als moralischer Schutzschild benutzt werden.

5) Die zweite Ordnung: Was macht die Metrik mit den Menschen?

Man sollte bei jeder Metrik eine Frage stellen, die fast nie gestellt wird:

Welche Art von Mensch fördert dieses System?

Fördert es Mut – oder Opportunismus? Fördert es Zusammenarbeit – oder internes Taktieren? Fördert es Wahrhaftigkeit – oder Schönfärberei?

Denn Metriken sind nicht nur Messinstrumente. Sie sind Anreizmaschinen. Und Anreizmaschinen produzieren Kultur.

Eine Kultur, die nur das belohnt, was zählbar ist, macht das Unzählbare zur Freizeitbeschäftigung.

6) Was stattdessen? Weniger KPI, mehr Klartext

Die Alternative ist nicht „keine Zahlen“. Die Alternative ist: Zahlen als Hilfsmittel, nicht als Religion.

Ein paar Prinzipien, die wirklich helfen:

  1. Maximal eine Handvoll Metriken, die man erklären kann, ohne zu lügen. Wenn man eine Kennzahl nur mit Fußnoten verteidigen kann, ist sie nicht reif.
  2. Ziele in Sprache formulieren, nicht nur in Zahlen. „Wir wollen, dass Menschen uns vertrauen“ ist unbequem – aber ehrlich. Eine Zahl kann das nicht ersetzen.
  3. Qualitative Realität regelmäßig reinziehen. Gespräche, Schattenarbeit, Beschwerden lesen, Support hören. Nicht als PR, sondern als Realitätsschock.
  4. Metriken regelmäßig sterben lassen. Kennzahlen haben ein Haltbarkeitsdatum. Wenn sie zur Spielregel werden, müssen sie ersetzt oder entmachtet werden.
  5. Verantwortung sichtbar machen. Wer entscheidet, muss seinen Wertmaßstab offen legen dürfen – und dafür auch kritisiert werden können.

7) Das Kernproblem: Wir verwechseln Kontrolle mit Klarheit

Metriken geben Kontrolle über einen Ausschnitt. Klarheit entsteht erst, wenn man bereit ist, das Ganze zu sehen – inklusive des Unbequemen.

Die Frage ist nicht: „Wie bekommen wir bessere Zahlen?“

Die Frage ist: „Was wollen wir wirklich erreichen – und was sind wir bereit, dafür zu riskieren?“

Solange wir diese Frage nicht stellen, werden wir weiter Dashboards bauen, die wie Cockpits aussehen – und uns dann wundern, warum wir trotz aller Anzeigen im Nebel fliegen.